29. – 30. August 2009
Es stürmt mächtig im Paradies und hat sich dadurch ordentlich abgekühlt, so dass Schnorcheln nicht mehr angesagt ist. Trotzdem vergehen die Tage wie im Fluge, denn Spielplatz und Pool stehen natürlich trotzdem zur Verfügung. Ich bin am Sonntag sowieso ein Totalausfall, weil ich höllische Kopfschmerzen habe, die trotz 2 Paracetamol nicht verschwinden wollen. Erst gegen Abend lassen sie etwas nach, so dass wir uns noch zu einem Abschiedsessen im Pub aufraffen können. Denn morgen soll es dann tatsächlich endlich weiter gehen. Wie es tatsächlich weitergeht ahnen wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.
31. August 2009
Als ich aufwache liege ich auf der Sanitätsstation von Coral Bay. Keine Ahnung, wie ich dahin gekommen bin. Das letzte, woran ich mich erinnere, sind 3 Folgen Dr. House, die wir abends im Bett gesehen haben und das
Buch, das ich noch gelesen habe. Stefan hat in dieser Nacht wahrscheinlich das Gefühl, er ist mitten drin in einer Dr. House Folge, als ich irgendwann aufhöre zu atmen und ihn nicht mehr erkenne. In Coral Bay gibt es keinen Arzt, geschweige denn ein Krankenhaus, und da keiner weiß, was ich eigentlich habe – mich eingeschlossen – werden ich mit dem Krankenwagen nach Exmouth gefahren. Da kamen wir ja eigentlich gerade her. Dort gibt es das berühmte Krankenhaus mit den 8 Betten, in dem Stefan seinen Fuß hat behandeln lassen. Stefan und Laila reisen mir mit dem Van hinterher und eigentlich ist das ja die falsche Richtung. Aber auch in Exmouth gibt es nicht die nötige Ausstattung, um mich zu untersuchen. Der Verdacht liegt nahe, dass es ein Schlaganfall war (wie alt bin ich???) und um genaueres sagen zu können ist ein CT und/ oder ein MRT nötig und das können sie nur in Perth machen. Da wollten wir ja sowieso hin, aber doch nicht so! Und so bin ich bestimmt eine der wenigen Weltreisenden, die in den Genuss der berühmten Royal Flying Doctors kommt. In 3 Stunden bin ich in der
Notaufnahme des Royal Perth Hospital und ende schließlich an diesem Abend auf der Beobachtungs- station mit privatem Flatscreen unter der Decke und kostenlosem Pay-TV. Leider steht mir der Sinn nicht gerade nach fernsehen. Irgendwann an diesem Abend werde ich auch noch ins CT geschoben. Und entgegen meiner festen Überzeugung, dass sie da sowieso nichts finden werden, finden sie doch was, können aber nicht genau sagen, was es ist. Ein Blutgerinnsel von einem Schlaganfall wäre mir jetzt mittlerweile fast die liebste Variante – die Alternativen sind nämlich noch weniger erfreulich. Stefan und Laila reißen derweil ordentlich Kilometer ab, um möglichst schnell nach Perth zu kommen, aber vor Mittwoch werden sie wohl nicht ankommen. Immerhin schaffen sie es heute bis Carnavon. Mich werden sie jetzt in den nächsten Tagen in die Röhre schieben, um endgültig Klarheit zu bekommen, was da in meinem Kopf rumschwirrt.
1. September 2009
Morgens werde ich von der Beobachtungsstation auf die Neurologie verlegt. Ich bekomme ein Bett mit gepolsterten Gittern, nur Plastikbesteck und keine heißen Getränke. Aufs Klo darf ich nur in Begleitung einer Krankenschwester und das ganze nur, weil ich ja möglicherweise noch mal so einen Anfall bekommen und mich dabei verletzten könnte. Ich komme mir vor wie in ‚Einer flog übers Kuckucksnest’ ;-) Dann passiert den Rest des Tages nichts mehr. Stefan und Laila sind noch immer auf dem Weg in Richtung Perth und übernachten nach einem Zwischenstopp in Geraldton 120 km weiter auf einer Restarea. Die letzte Etappe für den nächsten Tag ist jetzt glücklicherweise nicht mehr so lang.
2. September 2009
Gegen 11.00 Uhr treffen Stefan und Laila im Krankenhaus ein. Endlich geschafft! Laila hat sich echt tapfer geschlagen. Kurz danach ist es dann soweit: Ich werde in die Röhre geschoben. Die Typen dort sind echt cool Dreadlocks scheinen da Einstellungsvoraussetzung zu sein. Ich kriege einen Kopfhörer auf, kann die Musik auswählen und dann wird eine ¾ Stunde mein Kopf von allen Seiten durchleuchtet, während mir Coldplay in die Ohren dröhnt. Und dann heißt es wieder warten. Vor Donnerstag werden die Radiologen nicht mit einem Ergebnis um die Ecke kommen. Ich bin aber ja sowieso nach wie vor felsenfest überzeugt, dass sie da nix finden werden. Nachdem Stefan sich jetzt um die ganzen organisatorischen Dinge kümmern kann, bekomme ich auch endlich einen Fernsehanschluss und auch wenn ich mich sowieso nicht richtig konzentrieren kann und mich fühle als ob ich in einer großen Seifenblase lebe, lenken die bewegten Bilder wenigstens etwas ab. Abends gibt’s Benjamin Button. Da ich den Film schon kenne, brauche ich mich dabei auch nicht zu konzentrieren, aber wenigstens ist Brad Pitt in meinem trostlosen 4-Bett Krankenhauszimmer ein erfreulicher Anblick. Stefan und Laila steigen in einem Hotel neben dem Krankenhaus ab, nach Campen steht ihnen jetzt auch nicht der Sinn und der Campingplatz ist sowieso zu weit entfernt.
3. September 2009
Vormittags ist es dann soweit: Urteilsverkündung! Als Frau Dr. Lemond, die heute eigentlich ihren letzten Tag in Perth hat, bevor sie nach Europa fliegt, persönlich erscheint, schwant mir schon nichts Gutes und so ist es dann auch. Diagnose: Gehirntumor! Ich glaube kaum, dass ich beschreiben kann, was in dem Moment in uns – Stefan ist glücklicherweise dabei – vorgeht. Solch einen Moment wünsche ich jedenfalls niemandem! Aber trotz allem gibt es ja auch immer ein paar gute Nachrichten. Der Tumor sitzt an einer Stelle,an der keine Funktionen liegen, ist klar abgegrenzt und somit gut operabel. Und auch wenn kein Arzt sich zu einer Prognose hinreißen lässt, stehen die Chancen noch ganz gut, dass er vielleicht sogar gutartig ist. Damit ist dann eigentlich alles gesagt und nachmittags werde ich entlassen, ausgestattet mit einem Anti-Epileptikum, um möglichen weiteren Anfällen vorzubeugen. Wir beziehen erstmal ein Appartement in Cottesloe – da wollten wir ja sowieso hin - und versuchen uns so langsam zu sammeln und die weiteren Schritte zu planen. Es gilt so viele Dinge zu entscheiden: Lasse ich mich in Perth oder Deutschland operieren und wenn in Deutschland, was machen wir dann mit unserem Bus, wo sollen wir in Deutschland hin und was machen wir mit Laila, wie kommen wir zurück nach Deutschland…. Fragen über Fragen!
4. – 7. September 2009
Als erstes rufen wir Freunde in Perth an, die wir auf der Reise kennengelernt haben. Andrew und Sharon sind sofort bereit uns zu helfen und so löst sich schon mal das Busproblem und auch Laila können wir dort zum Spielen abliefern, während wir uns um die restlichen Dinge kümmern. Inzwischen haben wir mit dem ADAC gesprochen und die wären bereit den Rücktransport zu organisieren. Allerdings würde das bedeuten, dass ein Arzt und ein Pfleger nach Perth fliegen, sich dort mindestens 48 Stunden ausruhen und dann mit uns zusammen zurückfliegen. Das würde in Summe dann also mindestens noch eine Woche dauern bis wir in Deutschland ankommen. Der ADAC-Typ lässt aber durchblicken, dass wir die Rückreise natürlich auch auf eigene Gefahr selbst organisieren könnten – aus medizinischen Gründen selbstverständlich in der Business Class. Ein weiteres Problem, vor dem wir stehen, ist, es meinen Eltern beizubringen und da muss dann spontan mein Bruder herhalten, der sowieso schon immer einen guten Draht und die richtige Art hatte mit meiner Mutter umzugehen. Außerdem schlage ich mit dem Anruf dann gleich auch noch 2 Fliegen mit einer Klappe, denn Ralf und ich besprechen, dass wir uns erstmal in Stahnsdorf einquartieren und Laila dort einschulen können. So langsam lösen sich ein paar Probleme in Wohlgefallen auf. Ralf kümmert sich in Deutschland um potentielle Schulen und Kliniken. Stefan schafft Unglaubliches und arbeitet parallel an dem Thema ‚Bester deutscher Neurochirurg’, verschickt Fotos von meinem Gehirn, sucht nach Flügen nach Berlin, ändert die Autoversicherung, schlägt sich mit ADAC, TK und DKV rum und, und, und… Am Samstag mache ich dann noch mal einen Abstecher in die Notaufnahme des Royal Perth Hospitals, denn mein rechter Arm hat sich entzündet, wo die IV-Kanüle vier Tage lang gesessen hat. Da gibt’s dann gleich noch eine Ladung Antibiotika obendrauf! Und irgendwann zwischendurch haben wir dann auch noch Geburtstag. Noch nie sind unsere Geburtstage so untergegangen, ganz davon abgesehen, dass uns noch nie so wenig zum Feiern zumute war. An Stefans Geburtstag verbringen wir 2 Stunden im Emirates Büro, um unsere Flüge nach Berlin zu buchen. Das Hauptproblem stellt die Bezahlung da, denn wir müssen das Geld erstmal vorstrecken und bekommen es dann später vom ADAC zurück erstattet. Das Limit unsere Kreditkarten reicht aber leider nicht für 3 Business Class Flüge (24.000 AUD!) und so müssen wir noch mit viel bürokratischem Aufwand, die Kreditkarte meines Bruders einsetzen. Dafür geht es dann aber noch am gleichen Abend los. Wir packen unseren Kram, holen Laila frisch gebadet bei Andrew und Sharon ab und lassen uns von Andrew zum Flughafen bringen. Jetzt muss ich nur noch den Flug heil überstehen und möglichst nicht den Piloten durch einen Anfall zu einer Notlandung zwingen und uns damit in den finanziellen Ruin treiben :-(.
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