Nach dem coronabedingten Ausfall im letzten Jahr startet in
diesem Jahr schon am Mittwoch die langersehnte Serenata. Seit Anfang der 70er
Jahre gibt es bereits das mittlerweile größte Musikfestival der Provinz Salta
und eines der bedeutendsten Argentiniens. Angefangen hat es damals ganz klein
in einem Hinterhof, jetzt pilgern dafür viele tausende Menschen in den kleinen
Ort Cafayate, um Musikstars aus ganz Argentinien zu feiern.
| Zimmer mit Ausblick |
Vor unserer Haustür herrscht derweil ein unvergleichlicher Lärm
und Trubel. Massen von Menschen reisen zur Serenata an. Vollgestopfte Autos,
Busse und SUVs in jeglichem Alterungszustand schieben sich durch die sonst eher
wenig befahrenen Straßen, Leute mit Koffern, Rucksäcken, Kühltaschen und
Luftmatratzen ziehen durch den Ort. Die beiden Campingplätze am Ortsausgang
sind bis auf den letzten Quadratmeter mit Zelten vollgestellt. Auf jeder freien
Fläche am Straßenrand, in Vorgärten oder auf Fußballplätzen wird noch
zusätzlich gecampt. Vermutlich sind auch die Autos beliebte Übernachtungsmöglichkeiten
im komplett überlaufenen Cafayate.
| Wandmalereien am Veranstaltungsgelände |
Um 19.00 Uhr sind wir mit Freunden zum Essen verabredet.
Neben den offiziellen Serenata Veranstaltungen gibt es Freitag- und Samstagnachmittag
noch eine kostenlose Variante am Ufer des Rio Chuscha. Die geht gerade zu Ende
als wir uns auf den Weg machen, so dass die Straßen bevölkert sind mit von Kopf
bis Fuß bunt beschmierten Gestalten. Denn zur Tradition der Serenata gehört es
dazu, sich gegenseitig mit bunten Farben zu beschmieren, mit Puder zu bewerfen
und mit Schaum zu besprühen. An jeder Ecke kann man für wenige Pesos die
entsprechenden Utensilien kaufen. Ebenfalls gehört es wohl dazu laute Musik aus
seinem Auto dröhnen zu lassen, egal ob man steht oder fährt.
| Festival am Nachmittag |
Das Restaurant bietet eine kurze Verschnaufpause vom ganzen
Trubel, obwohl es nur einen Block vom Geschehen entfernt ist. Kulinarisch
bietet es außerdem eine echte Abwechslung zum gegrillten argentinischen Rindersteak
mit selbstgemachter Pasta und Currygerichten. Nächster Stopp ist ein Brauhaus
am Plaza. Ich brauche vermutlich nicht mehr zu erwähnen, dass dort die Hölle los
ist. Der Plaza ist gepflastert mit Verkaufsständen und belagert von Menschenmassen.
Wer nicht in einem der zahlreichen Restaurants oder Bars einen Platz hat,
trinkt daneben Rotwein aus Tetrapaks oder Fernet Branca mit Eis aus abgeschnittenen
3l Colaflaschen oder riesigen Thermoskannen. Wir trinken das ein oder andere
Bier und trotten irgendwann in den frühen Morgenstunden nach Hause. Da geht die
Party für die Argentinier allerdings erst so richtig los. In unserem Zimmer
hört es sich so an, als würden wir direkt neben der Bühne schlafen. Erst morgens
um 8.00 Uhr verklingt der letzte Gitarrenakkord, die Mücken haben sich
sattgesaugt und wir können endlich noch zwei Stunden in Frieden schlafen.
| Südamerikanisches Flair... |
| ...inklusive Schaumschlacht |
Ich habe ehrlichgesagt keine Ahnung, welche Coronaregeln
aktuell in Argentinien außerhalb der Supermärkte gelten, aber selbst wenn es
welche gibt, interessiert es hier im Moment keinen mehr. Rund um die Bühne feiern
15.000 Menschen: tanzen, singen, trinken und bewerfen, besprühen oder
beschmieren sich mit Farben und Schaum. Auch wir entgehen nicht den
Schaumattacken, bleiben aber wenigstens von Farben und Puder verschont.
Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal mehr als 10 Leute auf einem Haufen gesehen habe, aber das hier ist unglaublich. Südamerikanisches Lebensgefühl und wirklich tolle, mitreißende Musik.
| Fernet Branca ist hier der Hit! |
Weil es so schön und entspannt war, essen wir nochmal im selben Restaurant wie am Vorabend und machen uns dann auf in Richtung Veranstaltungsbühne. An den Straßen werden Essen, Sonnenbrillen und die sehr beliebten bunten Filzhüte angeboten – und natürlich Fernet Branca und Eiswürfel.
Es ist ein großes Gedränge, umso mehr je weiter man Richtung
Eingang gelangt. Leider geht unser Plan dann nicht auf, spontan noch Karten zu
kaufen. Der Ticketschalter hat geschlossen! Wir machen uns irgendwann auf den
Heimweg und liegen gerade im Bett als draußen die Hölle losbricht. Ein Gewitter
mit starkem Regen tobt direkt über uns und der Serenata – da war es vielleicht
ein Wink des Schicksals, dass wir keine Karten bekommen haben. Ich kann nicht mal
sagen, ob das Konzert unterbrochen wird, denn ist so laut draußen, dass außer
dem Unwetter nichts zu hören ist. Irgendwann ist die Musik allerdings wieder zu
hören und übertrifft sogar noch den Vortag – um 9 Uhr morgens ist der letzte
Auftritt schließlich vorbei!
| Typisches Gefährt hier |
Auf unserer Suche nach einem Frühstücksplatz begegnen uns
wild aussehende, bunt bemalte Gestalten, die vermutlich die letzten 2-3 Nächte
durchgefeiert haben. Insgesamt herrscht rege Aufbruchsstimmung. Koffer,
Kühltaschen, Luftmatratzen, Thermoskannen, Kind und Kegel werden wieder ins
Auto gestopft und der Weg nach Hause angetreten. Die Argentinier haben auf
Grund der Größe ihres Landes ein ganz anderes Verhältnis zu Entfernungen als
wir. Da fährt man auch mal eben 8 Stunden durchs Land ohne mit der Wimper zu
zucken – auch ohne Schlaf und in einem 40 Jahre alten durchgerosteten R4.
| Gedränge vorm Eingang |
Es war ein tolles Fest, auch wenn wir die Hauptbühne nicht
gesehen haben. Tolle Musik, ausgelassene Stimmung und alles ganz friedlich.
Mehrere Hundertschaften Polizei – auch beritten und mit Fahrrädern - wurden
extra aus Salta angefordert, denn Cafayate selbst hat vermutlich nur einen
Polizeiwagen. Ob es nun daran lag oder an der friedfertigen Mentalität der
Argentinier – man weiß es nicht!
Trotzdem ist es schön Sonntagmittag in die Ruhe der Estancia und in unser frisch geputztes Haus zurückzukehren – auch wenn es ein tolles Erlebnis war. Ach, ja und morgen beginnt hier übrigens der Karneval! Mal schauen, was da so abgeht! Das erfahrt ihr dann in der nächsten Woche ;-)