Mittwoch, 23. Februar 2022

Viva Serenata

Nach dem coronabedingten Ausfall im letzten Jahr startet in diesem Jahr schon am Mittwoch die langersehnte Serenata. Seit Anfang der 70er Jahre gibt es bereits das mittlerweile größte Musikfestival der Provinz Salta und eines der bedeutendsten Argentiniens. Angefangen hat es damals ganz klein in einem Hinterhof, jetzt pilgern dafür viele tausende Menschen in den kleinen Ort Cafayate, um Musikstars aus ganz Argentinien zu feiern.

Wir müssen leider am Freitag erstmal unseren ganzen Hausstand zusammenpacken. Zum Glück gibt es in dem Haus einen abschließbaren Lagerraum, in dem wir alles unterbringen können, was wir nicht mitnehmen wollen. Nach einer Runde Golf und einem Besuch in Pool und Sauna, beziehen wir unsere neue Bleibe mitten im Ort. Von außen ahnen wir noch gar nicht was sich hinter der Fassade alles verbirgt. Zusätzlich zu den vier Gästezimmern, einer riesigen Küche und diversen anderen Räumen, erstreckt sich dahinter auch noch ein riesiges Grundstück mit Weinstöcken und Blick auf die Berge. Da kann man es schon mal zwei Nächte aushalten. Als einziges Problem sollen sich später noch die Mücken herausstellen, die es sich in unserem Zimmer gemütlich gemacht haben und sich offenbar vorgenommen haben uns den Schlaf zu rauben.

Zimmer mit Ausblick

Vor unserer Haustür herrscht derweil ein unvergleichlicher Lärm und Trubel. Massen von Menschen reisen zur Serenata an. Vollgestopfte Autos, Busse und SUVs in jeglichem Alterungszustand schieben sich durch die sonst eher wenig befahrenen Straßen, Leute mit Koffern, Rucksäcken, Kühltaschen und Luftmatratzen ziehen durch den Ort. Die beiden Campingplätze am Ortsausgang sind bis auf den letzten Quadratmeter mit Zelten vollgestellt. Auf jeder freien Fläche am Straßenrand, in Vorgärten oder auf Fußballplätzen wird noch zusätzlich gecampt. Vermutlich sind auch die Autos beliebte Übernachtungsmöglichkeiten im komplett überlaufenen Cafayate.

Wandmalereien am Veranstaltungsgelände
Am Ortseingang steht eine riesige Polizeisperre und kontrolliert Autofahrer auf Drogen- oder Alkoholpegel, rund um den Plaza und die Veranstaltungsbühne Payo Sola werden gegen Nachmittag die Straßen hermetisch abgeriegelt. Wir können uns gerade noch rechtzeitig durch die Absperrungen schlängeln, um bis zu unserer Unterkunft zu gelangen.

Um 19.00 Uhr sind wir mit Freunden zum Essen verabredet. Neben den offiziellen Serenata Veranstaltungen gibt es Freitag- und Samstagnachmittag noch eine kostenlose Variante am Ufer des Rio Chuscha. Die geht gerade zu Ende als wir uns auf den Weg machen, so dass die Straßen bevölkert sind mit von Kopf bis Fuß bunt beschmierten Gestalten. Denn zur Tradition der Serenata gehört es dazu, sich gegenseitig mit bunten Farben zu beschmieren, mit Puder zu bewerfen und mit Schaum zu besprühen. An jeder Ecke kann man für wenige Pesos die entsprechenden Utensilien kaufen. Ebenfalls gehört es wohl dazu laute Musik aus seinem Auto dröhnen zu lassen, egal ob man steht oder fährt.

Festival am Nachmittag

Das Restaurant bietet eine kurze Verschnaufpause vom ganzen Trubel, obwohl es nur einen Block vom Geschehen entfernt ist. Kulinarisch bietet es außerdem eine echte Abwechslung zum gegrillten argentinischen Rindersteak mit selbstgemachter Pasta und Currygerichten. Nächster Stopp ist ein Brauhaus am Plaza. Ich brauche vermutlich nicht mehr zu erwähnen, dass dort die Hölle los ist. Der Plaza ist gepflastert mit Verkaufsständen und belagert von Menschenmassen. Wer nicht in einem der zahlreichen Restaurants oder Bars einen Platz hat, trinkt daneben Rotwein aus Tetrapaks oder Fernet Branca mit Eis aus abgeschnittenen 3l Colaflaschen oder riesigen Thermoskannen. Wir trinken das ein oder andere Bier und trotten irgendwann in den frühen Morgenstunden nach Hause. Da geht die Party für die Argentinier allerdings erst so richtig los. In unserem Zimmer hört es sich so an, als würden wir direkt neben der Bühne schlafen. Erst morgens um 8.00 Uhr verklingt der letzte Gitarrenakkord, die Mücken haben sich sattgesaugt und wir können endlich noch zwei Stunden in Frieden schlafen.

Südamerikanisches Flair...
Die nächste Herausforderung stellt am Samstagmorgen das Frühstück dar. Ich weiß nicht, wie die Argentinier das schaffen, aber um 11.00 Uhr ist bereits jedes Plätzchen wieder belegt und die Hoffnung sehr gering jemals zeitnah etwas zu Essen zu bekommen. Und um es gleich vorwegzunehmen: auch früheres Kommen hätte nichts genutzt. Das haben wir am Sonntag nämlich versucht.

...inklusive Schaumschlacht
Nach der kurzen und wenig erholsamen Nacht müssen wir erst eine kurze Siesta einschieben, bevor wir uns erneut in Getümmel stürzen können. Dann ziehen wir uns dunkle T-Shirts an und machen uns auf den Weg zum Flussufer.

Viva Serenata!

Ich habe ehrlichgesagt keine Ahnung, welche Coronaregeln aktuell in Argentinien außerhalb der Supermärkte gelten, aber selbst wenn es welche gibt, interessiert es hier im Moment keinen mehr. Rund um die Bühne feiern 15.000 Menschen: tanzen, singen, trinken und bewerfen, besprühen oder beschmieren sich mit Farben und Schaum. Auch wir entgehen nicht den Schaumattacken, bleiben aber wenigstens von Farben und Puder verschont.


Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal mehr als 10 Leute auf einem Haufen gesehen habe, aber das hier ist unglaublich. Südamerikanisches Lebensgefühl und wirklich tolle, mitreißende Musik.

Fernet Branca ist hier der Hit!

Weil es so schön und entspannt war, essen wir nochmal im selben Restaurant wie am Vorabend und machen uns dann auf in Richtung Veranstaltungsbühne. An den Straßen werden Essen, Sonnenbrillen und die sehr beliebten bunten Filzhüte angeboten – und natürlich Fernet Branca und Eiswürfel.

Filzhut und Superheld

Es ist ein großes Gedränge, umso mehr je weiter man Richtung Eingang gelangt. Leider geht unser Plan dann nicht auf, spontan noch Karten zu kaufen. Der Ticketschalter hat geschlossen! Wir machen uns irgendwann auf den Heimweg und liegen gerade im Bett als draußen die Hölle losbricht. Ein Gewitter mit starkem Regen tobt direkt über uns und der Serenata – da war es vielleicht ein Wink des Schicksals, dass wir keine Karten bekommen haben. Ich kann nicht mal sagen, ob das Konzert unterbrochen wird, denn ist so laut draußen, dass außer dem Unwetter nichts zu hören ist. Irgendwann ist die Musik allerdings wieder zu hören und übertrifft sogar noch den Vortag – um 9 Uhr morgens ist der letzte Auftritt schließlich vorbei!

Typisches Gefährt hier

Auf unserer Suche nach einem Frühstücksplatz begegnen uns wild aussehende, bunt bemalte Gestalten, die vermutlich die letzten 2-3 Nächte durchgefeiert haben. Insgesamt herrscht rege Aufbruchsstimmung. Koffer, Kühltaschen, Luftmatratzen, Thermoskannen, Kind und Kegel werden wieder ins Auto gestopft und der Weg nach Hause angetreten. Die Argentinier haben auf Grund der Größe ihres Landes ein ganz anderes Verhältnis zu Entfernungen als wir. Da fährt man auch mal eben 8 Stunden durchs Land ohne mit der Wimper zu zucken – auch ohne Schlaf und in einem 40 Jahre alten durchgerosteten R4.

Gedränge vorm Eingang

Es war ein tolles Fest, auch wenn wir die Hauptbühne nicht gesehen haben. Tolle Musik, ausgelassene Stimmung und alles ganz friedlich. Mehrere Hundertschaften Polizei – auch beritten und mit Fahrrädern - wurden extra aus Salta angefordert, denn Cafayate selbst hat vermutlich nur einen Polizeiwagen. Ob es nun daran lag oder an der friedfertigen Mentalität der Argentinier – man weiß es nicht!


Trotzdem ist es schön Sonntagmittag in die Ruhe der Estancia und in unser frisch geputztes Haus zurückzukehren – auch wenn es ein tolles Erlebnis war. Ach, ja und morgen beginnt hier übrigens der Karneval! Mal schauen, was da so abgeht! Das erfahrt ihr dann in der nächsten Woche ;-) 

Mittwoch, 16. Februar 2022

Kälteeinbruch und Serenata

In Anbetracht der Tatsache, dass in Deutschland noch winterliches Schmuddelwetter vorherrscht, mag man hier ja gar nicht von einer Schlechtwetterperiode reden. Aber tatsächlich gab es hier in der letzten Woche einen Kälteeinbruch, der sogar Schnee auf den umliegenden Bergen mit sich gebracht hat. Auch der Regen, der sonst immer nur abends oder nachts gefallen ist, hat uns nun auch mal morgens heimgesucht und dicke Wolken über den Bergen mitgebracht. Das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau, denn jetzt haben wir schon wieder sommerliche 26 Grad und auch die Regenzeit mit ihren Gewittern geht dem Ende zu.

Schlechtwetterperiode ;-)

Das passt allerdings auch zeitlich sehr gut, denn heute Abend startet in Cafayate die ‚Serenata‘. Ein riesiges Festival mit vielen, vielen Konzerten lokaler Künstler, Foodtrucks und viel Trubel in der ganzen Stadt. Einziger Haken an dem Fest ist, dass es offenbar dazugehört, andere Leute - insbesondere Frauen - mit bunten Farben und Pulvern ala indischem Holi Day zu besprühen. Es empfiehlt sich wohl irgendwelche alten oder dunklen Klamotten rauszukramen.

Wandkunst in der La Casa de las Empanadas
Die ganze Stadt ist an diesem Wochenende ausgebucht und aus diesem Grund müssen wir am Freitag unser Haus räumen. Das einzige Wochenende, das schon lange Zeit im Voraus ausgebucht war. Aber auch wenn es natürlich etwas lästig ist alles zusammenpacken zu müssen, hat es den Vorteil, dass wir in das Stadthaus von Freunden ziehen können – wir sind also quasi mitten im Geschehen der Serenata. Ich bin schon sehr gespannt!

Snowy mountains

Nachdem ich in den letzten Posts ja immer freudig berichtet habe, wie günstig hier alles ist, haben wir jetzt final doch noch etwas Teures gefunden. Bekannte haben uns aus Salta Kokosmilch mitgebracht, weil man die hier nirgendwo kaufen kann: winzige Dosen mit 160 ml, importiert aus Thailand, stolzer Preis pro Dose 2,50€. Für das Geld bekommt man hier schon ein komplettes Frühstück inklusive Kaffee. Außerdem drängt sich die Frage auf, warum die Kokosmilch aus Thailand importiert wird, wenn Brasilien mit seinen riesigen Kokosplantagen hier direkt um die Ecke ist. Dem müssen wir wohl mal auf den Grund gehen.

Sonnenaufgang am Golfplatz
Eine lustigere Erfahrung war dagegen unser Versuch eine 1 Liter Flasche Salta Bier kaufen zu wollen. Nachdem schon der erste Versuch gescheitert war, wollten wir es beim zweiten Versuch dann doch endlich verstehen. Mit Hilfe von Google Translater stellte sich schließlich heraus, dass man nur eine neue Flasche kaufen kann, wenn man eine leere Flasche zurückgibt. Da stellt sich natürlich die Frage, wie man in diesen Kreislauf einsteigen kann, wenn man nie initial eine volle Flasche kaufen darf… Vielleicht gibt es ja einen Schwarzmarkt für leere Flaschen J. Wir haben noch niemanden gefunden, der uns erklären konnte, welche Logik dahinter steckt. Denn das gilt nur für die 1 Liter Flaschen und auch nur für Salta Bier. Es kann also eigentlich keine Umweltschutzgründe haben. Aber wer weiß schon, wie die argentinische Logik da so aussieht!

Summer is back!

So, Schluss für heute! Nächste Woche gibt es einen Erfahrungsbericht von der Serenata und ich bin schon super gespannt, was wir dort wohl so erleben werden.

Dienstag, 8. Februar 2022

Ruta Nacional 40

Fast vier Wochen sind wir nun schon in Cafayate und es stellt sich mittlerweile so etwas wie Alltag ein. Es fühlt sich anders an, nicht mehr so als wären wir hier nur zu Gast oder im Urlaub. Es gibt ein paar Routinen wie unsere Spanischstunden oder Golfrunden, wir kennen mittlerweile die wichtigsten Einkaufsmöglichkeiten im Ort für Lebensmittel und Co. und es fühlt sich alles viel vertrauter an. Halt mehr wie ein Zuhause.

Viele Wolken...
Ab und zu schreibe ich etwas für Mount Natural und auch das ist super. Ich kann arbeiten, wann immer es mir am Tag am besten passt – morgens, mittags, abends… Und ich muss dabei auch mal meinen Grips anstrengen, um für mich neue Themen zu recherchieren, zu verstehen und verständlich und interessant aufzubereiten. Das trägt sicherlich auch viel zu meinem gesamten Wohlbefinden bei.

Positiver Nebeneffekt unseres Lebens hier ist zudem, dass ich von den 5 kg italienischem Pizza- und deutschem Winterspeck mindestens 3 kg schon wieder los bin – und das ohne zu hungern. Mit mehr Bewegung und ohne abendliche Chips vorm Fernseher hat das ganz easy geklappt. Man darf nur nicht den mehrheitlich sehr kalorienhaltigen Sünden im Supermarkt verfallen ;-)

Viel zu bunt und zuckerhaltig!
Letzte Woche haben wir einen kleinen Ausflug in das 20 km entfernte, kleine Örtchen San Carlos unternommen. Für sagenhafte 22€ (0,40 Cent/ pro Liter) haben wir zuvor unseren Mietwagen vollgetankt. Da mag man gar nicht an die aktuellen Benzinpreise in Deutschland denken.

Für ein kleines Gefühl von Abenteuer hat dann die Fahrt über die Ruta Nacional 40, der mit 5301 km längsten Nationalstraße Argentiniens, gesorgt. Denn ohne 4WD ist es für uns deutsche Gringos zumindest ein bisschen Nervenkitzel die Flüsse zu durchqueren, die momentan die Straße an mehreren Stellen überfluten und zwar ohne darin stecken zu bleiben oder Wasser in den Auspuff zu bekommen.

Überflutete Straßen
San Carlos selber hat das typische Flair der Orte hier: Ein großer Plaza mit der obligatorischen Kirche, ein paar Restaurants und anlässlich eines Festivals mit vielen Marktstände mit Schmuck, Gewürzen und Töpferarbeiten und einem überfüllten Campingplatz. Nach 30 Minuten hat man eigentlich alles gesehen.

Ruta Nacional 40
Spaß macht dafür auch hier das Essen gehen. Die Preise sind so unglaublich niedrig, wenn man Bargeld mit der sogenannten Bluerate tauscht, dass man kaum Geld ausgeben kann. Bei einer 8€ bis 25€ Rechnung im Restaurant inklusive der Getränke fällt es schon schwer sich überhaupt zum Kochen zu motivieren. Einziger Grund ist, gelegentlich auch mal etwas Vegetarisches essen zu wollen. Denn dafür ist die argentinische Küche leider nicht gerade bekannt. Mein Fleischkonsum ist dadurch momentan deutlich zu hoch.

Auch deutlich zu hoch war unser Alkoholkonsum am Freitagabend. Aus dem Aperol bei Sonnenuntergang in Erinnerung an unsere Italienreise wurde noch die ein oder andere Flasche Weißwein. Das sollten wir besser nicht zu häufig wiederholen, auch wenn es ein lustiger Abend war. Einziger Vorteil: die grölende argentinische Partytruppe vier Häuser weiter hat uns irgendwann auch nicht mehr stören können.

So, zum Schluss noch eine letzte Anekdote zum Thema Preise in Argentinien. Ich habe heute unseren komplett verdreckten Mietwagen reinigen lassen. Er glänzt wie neu, mit frisch geschwärzten Reifen, Fußmatten und Armaturenbrett, eine Stunde Arbeit, alles in Handarbeit und das Ganze für unschlagbare 3€.