Freitag, 1. Oktober 2021

Vulkanische Inseln und Canyons

Segelcrew 2021

Samstagmorgen geht es in aller Frühe zum Flughafen in Catania. In üblicher Manier kommen wir zu spät los, verpassen die richtige Abfahrt und stellen fest, dass nur Passagiere das Terminal betreten dürfen und wir Laila nur noch in die Schlange davor schieben können und hoffen müssen, dass ihre Temperatur nach dem gestrigen Fieberanfall in Ordnung ist und sie rechtzeitig durch alle Kontrollen den Weg zum Gate schafft. Wir warten währenddessen auf Stefans Kumpel, der aus Hamburg ankommt und meine Segelkollegen, die mich mitnehmen sollen zum Hafen in Portorosa im Norden Siziliens. Um es kurz zu machen: wir verbringen einige Stunden in dem einzigen geöffneten Cafe, es gibt keine Toilette, die Situation beim Mietwagenverleih ist mit dem Wort ‚Chaos‘ noch viel zu positiv beschrieben, aber am Nachmittag erreichen wir letztendlich den Jachthafen, der sich durch seine ‚großzügige‘ Ausstattung mit einem einzigen Duschklo nicht gerade positiv hervorhebt. Das gleiche gilt für unsere drei Boote, die klein, wenig geräumig und nicht gerade üppig ausgestattet sind. Wie sich später noch herausstellt, funktioniert leider auch der Außenborder unseres Dinghis nicht.

Stromboli

Sonntagmorgen geht es los. Unser Ziel sind die Liparischen Inseln nördlich von Sizilien. Sie sind vulkanischen Ursprungs und gehören zum Weltnaturerbe der UNESCO. Die bekannteste ist vermutlich die Insel Stromboli mit ihrem aktiven Vulkan. Unser erstes Ziel ist die Insel Vulcano, die tatsächlich namensgebend für Vulkane gewesen ist und aus der noch immer sichtbare, stinkende Schwefelgase austreten. Das Konzept der Jachthäfen der Inseln erschließt sich mir allerdings noch nicht. Wir zahlen viel Geld für den Liegeplatz (auch wenn sie eighteen Euros gesagt haben, meinten sie nämlich eigentlich eighty Euros!) und auch nur dafür, denn Duschen und Toiletten kosten leider nochmal extra. Was ist das für ein Service?


Unser nächstes Ziel ist Stromboli. Es ist ein langer Weg zur nördlichsten der Inseln und der Wind spielt leider nur zeitweise mit. Immerhin erreichen wir die Bucht am Abend noch so rechtzeitig, dass wir einen etwas geschützteren Platz an einer Mooringleine bekommen. Trotzdem ist das Kochen in dem schaukelnden Boot kein Spaß und selbst mir wird nach einer Weile leicht übel. Die anderen beiden Boote, die weiter draußen liegen, müssen nachts sogar den Ankerplatz wechseln, weil die Wellen unerträglich werden. Dafür brechen sie dann aber morgens um vier Uhr auf, um sich die spektakulären Eruptionen des Stromboli auf der anderen Seite der Insel anzuschauen. Wir dagegen sind unweckbar und verschlafen das Spektakel, nachdem endlich die Wellen nachgelassen haben und etwas Ruhe auf dem Boot eingekehrt ist.


Sonnenuntergang
Nach der unruhigen Nacht brechen wir auf nach Salina. Dort steuern wir einen Jachthafen an und wenn wir gedacht haben, dass schon der letzte Hafen teuer war, gibt es hier noch eine ordentliche Steigerung. Allerdings interessiert mich das momentan nur am Rande, da mich ein übler Virus ausgeknockt hat und ich den ganzen Tag und Abend verschlafen habe. Am nächsten Morgen fühle ich mich etwas besser und erkunde wenigstens jetzt noch kurz den kleinen Ort am Hafen, bevor wir lossegeln zu einer Ankerbucht auf der anderen Seite der Insel.

Bis dahin hatte ich gedacht, die Nacht vor Stromboli wäre schlimm gewesen, aber eigentlich war das im Vergleich wie eine Nacht im Grand Hotel. Der Wind und die Wellen steigern sich kontinuierlich, so dass wir irgendwann nur noch in unseren Kojen liegen können. Das Boot schaukelt wie wahnsinnig und unter Deck kracht und scheppert es unaufhörlich. Keiner von uns macht in dieser Nacht ein Auge zu und beim ersten Licht morgens um sechs Uhr werfen wir den Motor an und verlassen unseren Ankerplatz. Eins ist klar, die Liparischen Inseln sind kein geeignetes Revier zum Ankern. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Jachthäfen derartige Phantasiepreise aufrufen können. Denn auch wir laufen am Abend erschöpft den Hafen von Lipari an. Zumindest tagsüber haben wir eine tolle Bucht gefunden, in der man chillen, schwimmen und schnorcheln konnte. Zum Übernachten wäre diese aber ebenso wenig geeignet gewesen.

Markt in Ortygia

Am Freitag geht es zurück nach Portorosa. Der Wind ist nur mäßig und wir müssen leider längere Strecken motoren. Nach zwei kurzen Badestopps, reihen wir uns schließlich als letzte in die Schlange vor der Tankstelle in Portorosa ein. Den letzten Abend begehen wir dann mit allen drei Booten in die Pizzeria am Hafen und tatsächlich ist das der erste Abend, an dem wir es mal so richtig krachen lassen und nach einer sehr, sehr kurzen Nacht in ziemlich desolatem Zustand das Boot verlassen.

Stefan holt uns (Anja, Mert und mich) in Portorosa ab und nach einem schnellen Frühstück treten wir die Fahrt nach Ortygia an, einer kleinen Insel an der Ostküste Siziliens und das historische Zentrum von Syrakus. Mittlerweile hat das Virus Mert erwischt und trotz andauernder Behandlung mit Ibuprofen, geht es ihm nicht gut. Wir haben für zwei Nächte ein Apartment mitten in der Altstadt von Ortygia gemietet und genießen nach all den Erlebnissen mit Duschen und Toiletten in Häfen und auf Campingplätzen, jetzt den Luxus eines eigenen Bades und zusätzlich eines richtigen Bettes, was auch insbesondere für den kranken Mert eine Erholung sein dürfte.

'Grand' Canyon
Ortygia hat hübsche kleine Gassen, mit kleinen Altbauten und viele nette Restaurants und Bars. Wir gehen essen, erkunden die Stadt und verabschieden uns schließlich am Montag von Anja und Mert, die mit dem Bus zurückfahren nach Palermo, um unsere Campertour fortzusetzen.

Wir brechen auf in Richtung Süden nach Avola, beschließen dort aber bei einem Kaffee, dass wir hier nicht bleiben wollen und stattdessen zu einem Canyon im Cavagrande Naturreservat fahren möchten – ein Tipp, den Stefan bekommen hat. Die Fahrt dorthin ist bereits spektakulär. Die Straße schlängelt sich den Berg hinauf und man kann unendlich weit blicken. Der Canyon erinnert uns sofort an den Grand Canyon, auch wenn er natürlich deutlich kleiner ist. Am Fuße fließt ein Fluss, in dem man baden kann, nachdem man den 45-minütigen Abstieg über einen gerölligen Weg bewerkstelligt hat. Das Wasser ist toll und klar und für mich altes Weichei zugegebenermaßen zu kalt, um reinzuspringen. Ich halte lediglich die Füße rein und bestaune die ganz Mutigen, die sich aus fünf Meter Höhe mit Salto ins Wasser stürzen. Dann treten wir den Weg nach oben an. Auch wenn wir den Aufstieg schneller bewerkstelligen als den Abstieg, bin ich froh als ich oben über das Tor klettere und ein kaltes Bier in der Hand habe. Für ganze drei Euro können wir die Nacht hier auf dem Parkplatz verbringen – Toilette, Dusche und ein grandioses, selbstzubereitetes Frühstück mit Canyonblick inklusive. Viel besser und günstiger geht es kaum noch. Beim Frühstück beobachten wir das Treiben in der Holzhütte der Naturschutzverwaltung. Sechs Personen sind dort zeitweise vor Ort, von denen lediglich eine die Parkgebühren kassiert. Die Aufgaben der anderen fünf sind nicht erkennbar und vermutlich nicht vorhanden. Es lebe Italien J

Golf am Etna

Vom Canyon schlängeln wir uns den Weg wieder hinab und besuchen Noto, eine  der Barockstädte, die nach dem Erdbeben von 1693 entstanden ist und zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Man merkt so langsam, dass die Saison zu Ende geht. Nicht viele Touristen sind in Noto unterwegs und einige Restaurants scheinen gar nicht mehr geöffnet zu haben. Wir besichtigen die Kathedrale, die sich mit ihren hellen Farben positiv von den vielen eher düsteren Gebäuden in anderen Städten abhebt, bummeln die Fußgängerzone entlang und brechen irgendwann auf zu einem Naturreservat im Südosten Siziliens mit ‚Campingplatz‘ und Strand. Nach den Erlebnissen der Vergangenheit bin ich ja leicht hysterisch, wenn die Straßen uneben und unbefestigt sind und ich muss zugeben, dass ich niemals auch nur einen Meter diesen Weg weiter gefahren wäre. Stefan sieht das mittlerweile offenbar entspannter und so hoppeln wir im Schneckentempo 2,5 km über eine Buckelpiste zu dem vermeintlichen Campingplatz. Ich weiß nicht, ob es durch Corona oder andere Ereignisse bedingt ist, aber selten haben wir etwas in einem schlechteren Zustand gesehen. Die Stromanschlüssen sind wild verkabelt und hängen von Olivenbäumen, die Duschen sind draußen und auf dem Boden liegen Paletten, damit man sich nicht ganz so doll ekelt, die Spülbecken sind mit Unkraut zugewachsen und unbenutzbar. Die nächste Überraschung gibt es dann als wir zum Strand wollen. Es kostet 3,50 € pro Person – nirgendwo in ganz Italien haben wir bisher für einen Strand bezahlen müssen – und nachdem wir bezahlt haben, wird uns eröffnet, dass wir erstmal 20 Minuten laufen müssen, um überhaupt zum Strand zu gelangen. Na super! Ich kann nicht mal behaupten, dass mich der Strand übermäßig beeindruckt. Er ist klein, voll und eigentlich nichts Besonderes. Da waren wir schon an tolleren Strände und die waren kostenlos.

Bye bye Sicily

Am Mittwochmittag hoppeln wir zurück auf die Hauptstraße und treten den Rückweg in Richtung Norden an. Wir wollen noch eine Nacht am Golfplatz auf dem Etna verbringen und dann die Fähre in Richtung Festland nehmen. Leider ist der Etna wolkenverhangen und bei unseren abendlichen neun Loch können wir keinen Blick erhaschen. Dafür zeigt er sich aber am nächsten Morgen umso schöner in der Sonne bei unseren zweiten neun Loch. Und damit endet das Kapitel Sizilien. Nach einer Dusche in den Luxusumkleiden des Golfclubs fahren wir nach Messina, rollen auf die Fähre und kehren zurück auf das italienische Festland. An der Ostküste steigen wir in der Nähe von Bianco auf einem Agritourismo ab, mit einer herzlichen, wenn auch nur italienisch sprechenden Mama, direktem Strandzugang und nur einem weiteren Camper in unserem Olivenhain. Hier bleiben wir erstmal zwei Nächte, bevor wir die Weiterreise nach Norden antreten.

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