Sonntag, 25. September 2022

Nordmazedonien, Ungarn, Slowakei, Tschechien - der Weg nach Hause

Am Sonntagmorgen haben wir den Dauerregen überstanden und beim Frühstück strahlt die Sonne wieder. Doch die Temperatur ist abrupt um 15°C gefallen. Ohne jegliche Übergangsphase braucht man nach dem Trägertop jetzt einen warmen Pullover. Insbesondere die warmen Sommerabende sind plötzlich vorbei, die Temperaturen fallen nachts auf 6°C und wir sind einmal mehr dankbar für unsere Heizung.

Versunkene Kirche im Mavrovo-See

Nach einem Abstecher in den Supermarkt fahren wir in Richtung Norden in den Mavrovo Nationalpark. Der Ort Mavrovo liegt tatsächlich in einem kleinen Skigebiet und mit seinen Holz- und Steinhäuser und den niedrigen Temperaturen kommt tatsächlich ein bisschen Skiurlaubsfeeling auf. Beim Anblick des uralten Einsitzer-Sessellifts verfliegt es dann allerdings auch gleich wieder J. Da kann man nur hoffen, dass die anderen Lifte in einem besseren Zustand sind.

Skigebiet im Mavrovo Nationalpark

Für den nächsten Tag planen wir eine Wanderung vom Ort Galicnik aus. Dafür müssen wir uns über eine sehr kurvige und steile Straße erstmal dorthin vorarbeiten. Landschaftlich sehr sehenswert und optisch irgendwo zwischen Neuseeland und Österreich, nur fahrtechnisch mit dem Camper etwas anstrengend. Unter einem Basketballkorb, vor einer Art Wanderhütte und direkt am Anfang des Hikingtrails finden wir unseren Schlafplatz. Am Morgen geht es dann los zum auf knapp 2200 m hoch gelegenen Gipfel des Medenica. Es geht stetig bergauf und wir müssen feststellen, dass wir doch konditionell schon mal fitter waren. 

Mavrovo Nationalpark

Als ich kurz davor bin die Wanderung abzubrechen, hört die Steigung auf und wir laufen ganz entspannt durch eine Hochebene. Besser hätte man es ja eigentlich nicht timen können! Nach dieser Erholungsphase meistern wir auch noch die letzten Aufstiege und werden mit gigantischen Ausblicken auf den Korab, den höchsten Berg Nordmazedoniens und die umliegenden Gipfel belohnt. Als wir nach 4,5 Stunden wieder an unserem Campervan ankommen, sind wir platt und können kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen. Aber dafür haben wir einen Höhenunterschied von 750 m überwunden und die Schmerzen lassen ja bekanntlich nach einigen Stunden wieder nach.

Auf dem Gipfel

Wir arbeiten uns die Serpentinen wieder runter und fahren in Richtung Skopje. Eigentlich hätten wir gerne mal eine heiße Dusche, doch in Skopje gibt es keinen Campingplatz und so fahren wir zum nahegelegenen Matka Canyon und stellen uns stattdessen ohne Dusche dort an den Fluss. Morgens wandern wir vorbei an dem Wasserkraftwerk hinein in den Canyon und erkunden ihn anschließend mit einer 30 minütigen Bootstour von der Wasserseite. An einem Dienstag und außerhalb der Ferienzeit ist dort nicht viel los. Wir sind alleine auf dem Boot und außer einigen Kayakfahrern ist kaum ein Mensch zu sehen. So können wir in aller Ruhe die Fahrt durch den schroffen Canyon genießen. Ich möchte aber ehrlichgesagt nicht wissen, was dort zu Hochzeiten im Sommer abgeht!

Übernachten im Matka Canyon

Nachdem Stefan schon bei der Bergwanderung mit Kopfschmerzen zu kämpfen hatte, stellt sich jetzt auch noch ein verdächtiges Kratzen im Hals ein. Mehr brauche ich vermutlich nicht zu sagen: der Coronatest zeigt in Sekundenschnelle 2 Linien an… Zu verdanken hat er das vermutlich unserem Supermarktbesuch am Ohridsee, denn ansonsten sind wir ja tagelang nicht mit anderen Menschen in geschlossenen Räumen gewesen.

Matka Canyon bei Skopje

Da es schwer vorher zu sagen ist, wie schlimm es wird und ob ich mich auch noch anstecke, sehen wir zu, dass wir uns in Richtung Heimat bewegen. Wir fahren über die Grenze nach Serbien. 100 km vor Belgrad stoppen wir an einem kleinen Campingplatz irgendwo im Nirgendwo, aber ausgestattet mit einer heißen Dusche. Stefan kämpft jetzt zusätzlich mit dem obligatorischen trockenen Husten und  immer schlimmeren Halsschmerzen und ist froh als er schlafen kann. Was für ein Mist!

Vorbei an Belgrad

Am nächsten Morgen geht es weiter: vorbei an Belgrad und in Richtung ungarischer Grenze. Da wir vermuten, dass Diesel in Ungarn auf jeden Fall günstiger ist als in Serbien, vermeiden wir es vor der Grenze nochmal zu tanken. Die letzte Tankstelle vor der Grenze können wir dann auch gar nicht mehr erreichen, da die LKWs sich bereits kilometerlang von der Grenze zurückstauen und dabei komplett die Ausfahrt blockieren. Aber wir fühlen uns ja trotz leuchtender Benzinleuchte auch noch sicher, schließlich sollte der Sprit laut Anzeige noch für 68km ausreichen. Durch die serbische Grenzkontrolle rutschen wir dann auch in 2 Minuten durch. Doch der richtige Spaß beginnt leider erst danach. In einem großen Knäuel stauen sich die PKWs vor der ungarischen EU-Außengrenze zurück – da reihen wir uns doch besser als EU-Bürger mal in die EU Schlange ein… Dass das ein Fehler ist, wird uns klar als wir erkennen müssen, dass es dort nur einen Schalter gibt und sowieso jedes Auto – egal woher - komplett gefilzt wird. Doch wenig später ist das sowieso unser geringstes Problem.

Nach 10 Minuten in diesem Grenzchaos ertönt und leuchtet eine rote Warnmeldung unseres Autos, die uns mitteilt, dass wir nur noch sehr wenig Treibstoff haben. Die Benzinnadel bewegt sich nur noch marginal nach oben, die Anzeige der noch zu fahrenden Kilometer zeigt nun statt 68 km nur noch ein paar rote Punkte an…

Es ist offensichtlich, dass wir noch mindestens eine Stunde brauchen werden bis wir endlich dran sind. In mir macht sich leichte bis mittelschwere Panik breit. Wenn wir hier inmitten dieses Chaos ohne Sprit liegenbleiben, werden wir garantiert gelyncht. Die Stimmung rundherum ist sowieso schon äußerst angespannt und die nächste Tankstelle ist natürlich erst hinter der Grenze. So machen wir also den Motor erstmal aus und fahren nur jedes zweite Mal an, um den knappen Sprit zu sparen. Währenddessen versuchen wir ergebnislos mit Hilfe von Google und dem Handbuch herauszufinden, wie viele Kilometer wir theoretisch jetzt noch fahren können. Stefan errechnet, dass wir nur noch 100 ml benötigen, um bis zur Tankstelle zu kommen. Aber auch das wirkt nur begrenzt beruhigend auf meine angespannten Nerven.


Eine Stunde lang hoppeln wir durch Orbans Grenzstau nach vorne bis wir endlich am Schalter angelangen. Grenzpolizei und Zoll durchforsten unseren Camper nach Drogen, Alkohol und vor allem nach Flüchtlingen, aber das ist mir in dem Moment sowas von egal. Schließlich sind es jetzt nur noch 300 m bis zur rettenden Tankstelle. Bis dahin könnten wir zur Not auch noch schieben. 

Die Ernüchterung kommt dann an der Tankstelle. Unsere ungarischen EU-Freunde haben nämlich ihr eigenes Konzept, was das Tanken für Nicht-Ungarn angeht. Wir dürfen nur 50 l tanken, zahlen dafür aber einen 1,5 fachen Phantasiepreis. Austricksen kann man zumindest die Mengenbeschränkung indem man bezahlt und ein zweites Mal tankt – schließlich wollen wir jetzt auch wissen, wieviel Diesel wir noch hatten. Tatsächlich sind es noch fast 2 Liter – damit hätten wir es sogar noch fast bis zur nächsten Tankstelle geschafft :-) Doch für mich ist nach dieser Erfahrung trotzdem endgültig klar: keine Experimente mehr in Sachen Treibstoffversorgung. Das halten meine Nerven nicht mehr aus!

Pistenraupe :-)

Unser Nachtquartier schlagen wir an diesem Abend auf dem Parkplatz eines Restaurants auf, in dem wir uns zuerst den Bauch mit ungarischem Kesselgulasch vollschlagen. Der Parkplatz scheint auch ein gängiger Übernachtungsplatz für LKWs zu sein. Als es dunkel wird, werden wir quasi von Brummis umzingelt, deren Fahrer dann bereits am frühen Morgen lauthals in südländischer Manier an ihren Handys herumlamentieren.


Bevor wir Ungarn wieder verlassen, machen wir noch einen Abstecher zum Plattensee. Nachdem uns der mit Hotels zugebaute Ort Balatonfüred eher abschreckt, fahren wir zum auf einer Halbinsel gelegenen Tihany. Es wird schnell deutlich, dass die Saison vorüber ist, denn alle Restaurants am Seeufer haben bereits geschlossen. Im kleinen Ort Tihany gibt es zwar noch geöffnete Restaurants, aber ohne Bargeld für den Parkautomaten können wir dort nicht parken, denn das wird mit Parkkrallen bestraft. Irgendwie hat Ungarn uns nicht so richtig gern und so beschließen wir, das Land in Richtung Slowakei wieder zu verlassen. 

Plattensee

Nach unserer Grenzerfahrung bei der Einreise nach Ungarn, ist die Einreise in die Slowakei das krasse Gegenteil. Über eine baufällige Landstraße holpern wir durch verlassene, rostige und verfallene Grenzanlagen. Hier interessiert sich keiner mehr für unsere Pässe oder den Inhalt unseres Autos.

Grenze zur Slowakei

Wir übernachten auf einem einsamen, abgelegenen Parkplatz kurz vor Bratislava bevor es weitergeht in Richtung Prag und schließlich in Richtung Dresden. Da Stefan noch immer nicht fit ist und mit Husten und Halsschmerzen zu kämpfen hat und mit seiner Corona Erkrankung auch nicht unter Menschen gehen kann, fahren wir in unserem Quarantäne-Bus eigentlich den ganzen Tag. In Pirna, in der sächsischen Schweiz, fahren wir einen Campingplatz am Elbufer an und suchen uns in der Altstadt ein Restaurant, in dem man Corona-konform mit Abstand draußen sitzen kann. Ein schöner letzter Abend mit leckerem Essen und tollem Elbblick! Und dabei hätten wir es dann vielleicht auch besser belassen sollen! Die Suche nach einem Bäcker am nächsten Morgen zerstört ein wenig das gute Bild von Pirna. Wir finden weder ein geöffnetes Cafe noch einen Bäcker, der uns ein belegtes Brötchen verkaufen könnte. Nach 1,5 Stunden ergattern wir endlich ein paar angetrocknete Salamibrötchen und kehren Pirna den Rücken. Jetzt gilt es noch die letzten 550 km bis Ellerbek zurückzulegen und damit endet die Campertour 2022.

Sonnenuntergang in Pirna

Lange Zeit waren wir unentschlossen, ob wir in die Bretagne oder in Richtung Balkan fahren sollen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es auf jeden Fall die richtige Entscheidung war. Wir haben 11 Länder bereist und sind dabei 8000 km gefahren. Wir sind unglaublich vielen netten und hilfsbereiten Menschen begegnet, auch wenn wir nicht immer dieselbe Sprache gesprochen haben. Wir haben schöne Städte, aber noch viel beeindruckendere Nationalparks, Berge, Flüsse und Seen erkundet. Eine tolle Erfahrung, nicht zuletzt auch um das ein oder andere Vorurteil mal über Bord zu werfen. Und auch, wenn das Ende unserer Reise durch Stefans Covid-Infektion etwas eingeschränkt war, waren es unvergessliche 5 Wochen – und die Hälfte davon tollerweise zusammen mit Laila. Nächste Woche geht es wieder nach Argentinien, aber ich freue mich jetzt schon auf unsere Tour im nächsten Sommer!



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